Freitag

Liebenswerter Chaot...




Foto von intographixcs (Griechenland) #pixabay.com


... suchte und fand ...  



... Während ich das Bügelbrett zusammenklappte, hörte ich plötzlich ganz leise mein Telefon klingeln. Als ich nach dem Hörer griff, war das Gespräch schon wieder weg, doch die Telefonnummer im Display erkannte ich sofort. „modos_fantasy“ hatte soeben mein Telefon einmal dezent klingeln lassen.
Die Überlegung, ob es für ein Telefonat nun der rechte Zeitpunkt sei oder nicht, erübrigte sich schlagartig, denn ohne eine Sekunde nachzudenken, wählte ich die eingeblendete Nummer mit einem Tastendruck. Ebenso schnell hatte ich ihn am Ohr. Nette Stimme. Eigentlich hatte er gar nicht anrufen wollen, meinte er und wirkte etwas zerstreut.
Dennoch dauerte das Telefonat recht lange, war interessant und lustig gleichermaßen. Dieser noch Unbekannte war mir sehr sympathisch.
Was folgte, war ein lebhafter E-Mail-Austausch am Tag darauf. (7:39h)
„hallo angela, ähm, ... annette ... oder?
bin etwas verwundert, aber das macht nichts. eigentlich hatte ich gestern abend eine einladung ... ich hatte irgendwie das gefühl, ich sollte da nicht hingehen. bin ich ja auch nicht. hatte das aber seltsamerweise schon beschlossen, bevor wir uns begegnet sind ... naja, gedanken kennen ja keine zeit. von daher ist immer alles im hier und jetzt und zugleich schon zukünftig vorbei gewesen ... ups! ... und so was zum frühstück.
ja, du hast wirklich eine sehr angenehme stimme (am telefon ...haha) und wenn du lachst, wird mir warm ums herz. schön, schön ... das spart heizkosten.
ist doch schon 'ne ganze menge für den beginn eines neuen tages ... danke;-), liebe grüße, modo“
Ich antwortete umgehend und sagte, dass auch er ei-ne nette, angenehme Stimme habe. Modo bearbeitete mein Profilfoto und schickte es in einem E-Mail-Anhang. Ein breiter Balken zierte mein Gesicht, so dass es gar nicht mehr zu erkennen war. Modo hatte gemeint, ich müsse mich nicht wundern, dass ich so merkwürdige Ansprachen im Singleforum bekäme, eine fast nackte Schulter und dieser Blick über dieselbe ließen leicht einen verkehrten Eindruck entstehen. Ich amüsierte mich köstlich über die Bearbeitung und schrieb es ihm in einer E-Mail.
Als ich am Abend zu Hause meinen Computer startete, freute ich mich über eine weitere Nachricht:
(19:48h)
„hallo annette,
traum meines arbeitsreichen tages! ich hoffe, du warst mit der bearbeitung des fotos zufrieden? das kam in der antwort nicht so gaaaaaanz deutlich zum ausdruck. dabei hab ich mir solche mühe gegeben, mit der größe des balkens ... das muss ja auch sinn machen, oder?
wenn du also – ich bin irgendwie etwas durcheinander – noch lust hast, mit mir ein zweites gespräch zu wagen, kannst du das ja mal kundtun. ich gedenke mich jetzt in meine dusche zu falten und dort eine stunde im erkältungsbad zu schlafen. ja, ich mach schon mal komische dinge, aber alles nur in ermangelung einer badewanne. man muss auch dauernd warmes wasser nachfüllen. eine leidige geschichte. mich kratzt es im hals. mhm, ... aber so ab neun wäre ich völlig und ganz für dich da. wenn du willst ... ein einmaliges angebot – jetzt zugreifen!
nee, keine panik ... trau einfach deinem gefühl und lass es wirken ... wirk ...wirk ...wirk ... bis später, liebe grüße, modo“
Statt einer Antwort wagte ich gegen Neun einen Anruf und hatte ihn auch gleich am Ohr. Unser Gespräch dauerte sehr lange, war von Offenheit geprägt und von der Erkenntnis, dass wir eine Menge gemeinsam hatten.

Wir waren verabredet. Abends, Schildergasse, Bierbrunnen, 18:30h ...

[kl. Auszug aus "Achterbahn" von AF]

Das kleine unterhaltsame Buch ist erhältlich bei


Achterbahn




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Heitere Urlaubslektüre



Ab in den Urlaub...



Stunden köstlicher Entspannung versüßen

mit lustigem, kalorienarmen Lesestoff


Foto by Bibliotheek Bornem (Belgium) #pixabay.com 




[...]
„Rein theoretisch könnten Sie jetzt wieder heiraten“, sagte mein Rechtsanwalt und drückte mir vor dem Gerichtssaal fest die Hand zum Abschied. „Und Sie natürlich auch, Herr Martens! Ha, ha, ha!“, fügte er hinzu und schüttelte Andreas mit markigem Lachen die Hand.
Nein, danke! Bestimmt nicht!“, murmelte ich missgelaunt in meinen hochgeschlagenen Mantelkragen. Wie konnte der Mann bloß auf diesen irrwitzigen Gedanken kommen. Völlig absurd!
Ich riskierte einen Seitenblick auf Andreas. Hochgewachsene Einsachtundneunzig standen unbeholfen in der Gegend herum. Dabei hatte er, wie immer, die Hände in die Hosentaschen versenkt. Die Stirn wurde immer höher mit den wachsenden Geheimratsecken. Rot schimmerte sein Schnauzbart und zuckte nervös herum, als er das eigentlich sympathische Gesicht zu einem unsicheren, schiefen Lächeln verzog. Fühlte er sich vielleicht auch so fehl am Platze wie ich? Hatte er das, was hier gerade passiert war, wirklich gewollt? Oder war ihm genauso seltsam schwammig in der Magengegend zumute wie mir? Was ging wohl gerade in seinem Kopf vor?
Die Anwälte trollten sich gemeinsam von dannen. Sie unterhielten sich scheinbar belustigt. Was die wohl von uns dachten? Ich sah sie vertraulich miteinander reden und lächeln. An uns dachten sie wahrscheinlich gar nicht mehr. Der Fall war ja nun auch erledigt.
Plötzlich wurde mir ganz heiß in meinem Strickkleid und die Wollfasern piekten mir in die Haut, dass es nur so prickelte. Da stand doch tatsächlich Andreas' neue Flamme! Die Frau war mir vorhin schon aufgefallen! Mir rauschte der Puls von knapp über 50 in nur 0,1 Sekunden auf rasante 200 Sachen! Nicht zu glauben, dass Andreas die Stirn hatte, mit seiner Freundin hier aufzutauchen.
Die Frau war mit einem unmöglichen Namen bestraft worden. Wanda! Ich fragte mich, innerlich kopfschüttelnd, was ein kleines Baby seinen Eltern angetan haben mochte, dass sie es mit so einem bescheuerten Namen stempelten. Leider musste ich neidvoll gestehen, dass sie verdammt gut aussah und höchst geschmackvoll gekleidet war. Geschmackvoll und vorteilhaft, denn all ihre natürlichen Vorzüge wurden durch das Outfit unterstrichen. Sie hatte lange, dicke Haare bis zum wohlgeformten Popo und Beine vom Fabrikat Endlos! Auch die übrige Figur ließ nichts vermissen, was Männerphantasien beflügeln konnte. Sie himmelte Andreas mit ihren blauumschatteten Äuglein an und strahlte wie eine Schönheitskönigin. Und dann wagte sie, mit einem unverhohlenen Seitenblick aus etwa Einsfünfundachtzig auf meine bescheidenen Einssiebzig zu schielen.
Da wurde mir schlecht! Mein Magen krampfte, meine Beine fühlten sich starr an, als hätte ich sie mit den Absätzen im Boden verankert. Ich musste schnellstens raus hier. Oder sollte ich was sagen? Irgendwas bissig Ironisches? Am liebsten zynisch! – Aber mein spärlicher Mut sackte in die verkrampfte Magengrube und vereinte sich mit der Übelkeit. Ich beschloss, lieber den Mund zu halten und sah zu, dass ich hier weg kam!
Wegen dieser Erscheinung lehnte Andreas mein kleines Waffenstillstandsgesuch ab! Na ja, ich konnte ihn schon ein bisschen verstehen. Trotzdem spürte ich den Stich im Herzen! Verdammt! –
Ich schaute hinter ihnen her, als sie vertraut Hand in Hand zum Aufzug gingen, während ich meine einsamen kalten Hände in den tiefen Taschen meines Trenchcoats verstaute. Auf keinen Fall wollte ich mit den Zweien zusammen einen kleinen Aufzug besteigen, deshalb begann ich zum Schein hektisch, aber eigentlich nach nichts suchend in meiner Handtasche herum zu wühlen. Dabei sah ich zwangsläufig an mir herunter: ein cremefarbenes Wollkleid von gestern, dunkelblauer Trenchcoat aus der Vorvorvorsaison und meine Füße steckten in Pumps, die so bequem aussahen wie ich sie mir in gut drei Jahren eingelaufen hatte. Keine Spur von attraktiver Eleganz! Da konnte ich mit Stöckelschuh-Ballettrock-Wanda keinesfalls in einem drei Quadratmeter großen Aufzuggehäuse stehen! Ich fühlte mich hässlich und klein!
Gehorsam folgten meine Beine dem Befehl meines Hirns, diesen Ort zu verlassen. Leider begegnete ich den beiden auf der Straße zum Parkplatz doch wieder. Sie verließen gerade mit Andreas flottem Sportfiesta den Parkplatz und winkten mir grinsend zu, als ich den Zettel an meiner Windschutzscheibe entfernte – Knolle für verbotenes Parken! Die hatten gut grinsen!
Ich kletterte in meinen Familienpassat und fuhr durch den Nieselregen dieses Märztages zu meiner Freundin Olivia [...]

[Lesepröbchen aus "Eine Scheidung wider Willen" by AF]



erschienen bei tredition

 
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Montag

Seele im Stacheldraht






Foto Domenico Mattei 99pixel #pixabay.com


„...dann entstand plötzlich das Bild eines Käfigs vor meinem geistigen Auge, in dem ich gefangen war. Gitterstäbe, und ich dachte: wenn ich in einem Käfig leben müsste, ich wäre ständig bestrebt, die Stäbe zu brechen. Eingesperrt sein führt zu Ausbruch!

Ich sah meinen Körper in Ketten, und ich dachte: wenn ich gefesselt wäre, ich würde alle Kraft aufbieten und alle Wege suchen, die Fesseln zu zerreißen. Wer angebunden ist, will sich losreißen.

Ich dachte weiter: wenn ich ein Gefangener meines Lebens wäre und es wirklich keinen Ausweg gäbe, ich würde sämtliche Versuchungen finden, um mir ein bisschen Freiheit zu stehlen.

Und würde ich zum Stillstand verdammt sein, ich würde nur noch laufen wollen, wohl wissend, dass ich nicht weglaufen kann, weil ich mich selbst nie verlasse. All meine Kraft würde ich darauf verwenden, frei zu werden und doch keine Freiheit erlangen.“




 
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Fitness + Genuss = Gesundheit & Wohlfefinden








Die meisten Menschen wollen gesund, schlank und fit sein. Das Interesse an Gesundheit und Fitness nimmt bei vielen Menschen zu.
Mirjam Rodrigues da Silva hat mit ihrem Rezeptbuch schon viele Menschen begeistert. Sie ist bayerische und deutsche Meisterin der Bikini-Fitness-Klasse, und für sie ist ausgewogene Ernährung in Verbindung mit ihrem disziplinierten Training und erst recht vor wichtigen Wettkämpfen ganz wichtig.
Die Rezepte, die sie im Laufe der Zeit selbst entwickelte, lassen sich schnell und einfach zubereiten. Als Studentin der Kommunikationswissenschaften mit entsprechenden Nebenjobs und ihrem Hobby – dem Fitness- und Kraftsport – blieb ihr immer wenig Zeit zum Kochen. Die Rezepte, die in ihrer Küche entstanden, hat sie in einem Rezeptbuch zusammengestellt und mit schönen Bildern illustriert.

Über 1.000 Exemplare wurden in knapp einem Jahr verkauft.

Abnehmen und sich trotzdem lecker und gesund ernähren, das klappt wunderbar mit 



Mein Tipp für Genuss & Fitness:
„Mirjam’s Fitness Rezepte“  ist erschienen bei tredition Verlag Hamburg
ISBN 978-3-7323-1143-9 (Paperback 19,90 EUR)

ISBN 978-3-7323-2565-8 (Hardcover 24,50 EUR)


Die junge Autorin ist auch angehende Lehrerin. Der Sport ist ihre Leidenschaft und ihr Ausgleich, hier ist sie mit viel Freude bei der Sache, und ihre Erfolge sprechen für sich.
Mehr über Mirjam auch bei Facebook.









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Freitag

Erwischt wie eine Frühlingsliebe






Kaum ein Mensch ist heute glücklicher als ich.
Manche Träume werden doch wahr.


Foto Narcis Ciocan (Romania) #pixabay.com

Das habe ich jedenfalls fest beschlossen!

Gesungen habe ich schon immer. Blockflöte zu Hause und in der Schule. Kirchenchor, Schulchor-AG und dann mit etwa 11 Jahren Akkordeonunterricht.
Gut anderthalb Jahre wurschtelte ich mich allein durch Lehrhefte und Etüden-Schulen mit täglichen Übungsstunden und Unterricht bei einem Musiklehrer. Der hieß Hans Flamm, trug eine rundglasige Brille, hatte ein ebenso rundes Gesicht und wirkte in seiner Fülle ziemlich feist.
Nichts desto trotz konnte er mit seinen etwas wurstig dicken Fingern erstaunlich schnell über die Klaviertasten huschen. Solange ich seinen Unterricht einmal wöchentlich besuchte, brauchte ich kein Akkordeon mitzunehmen. Ich konnte mit der Straßenbahn nach Mülheim fahren, die ganze Keupstraße hinauflaufen, in die Bergisch-Gladbacher-Straße rechts herum abbiegen und einige Meter weiter in einem Hauseingang, dessen Nummer mir nicht mehr einfällt, einen der Klingelknöpfe drücken. Es dauerte immer geraume Zeit, bis der Summer ertönte, ich die hohe schwere Türe aufschob und dann die langen Treppen mit den vielen Stufen bis in die 3. Etage hinauflief.
Manchmal musste ich noch warten, weil jemand vor mir dran war. Ich saß dann wie Piek 7 in einem der alten Sessel in einer Art Wohnzimmer und wartete. Das kleine hellblaue Lehr- und Hausaufgabenheft enthielt Fragen und Aufgaben, die ich lernen sollte. Hab ich auch gemacht – leider behielt ich davon nicht viel. Ich war immer heilfroh und grenzenlos erleichtert, wenn Herr Flamm keine Fragen zur aktuellen Lektion stellte.
Ganz ehrlich habe ich mich bei dem alten Herrn immer unwohl gefühlt. Nicht nur, weil ich Muffensausen davor hatte, dass er vielleicht doch mal den theoretischen Kram abfragte, sondern weil mir seine Nähe unangenehm war, denn er rückte mir allzu nah auf die Pelle, wenn er mir auf dem Instrument, das ich leihweise vor mir hatte, etwas zeigte. So spielte ich ziemlich rasch, was er mir in der Stunde zuvor aufgegeben hatte, erhielt neue Aufgaben und verließ anschließend gerne eiligst seine Wohnung. Warum das so war, weiß ich nicht. Irgendwie fand ich ihn komisch.
Trotzdem habe ich eine Menge gelernt – zumindest das Spielen lernte ich.
Es war 1973, ich glaube im Sommer, als meine Mutter auf die Idee kam, ich könnte doch in einem Orchester spielen. Ob sie Herrn Flamm fragte oder ob ich im Auftrag fragte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gab Herr Flamm uns eine Telefonnummer, wo wir anrufen könnten. Wenn ich schon unbedingt in einer Gruppe spielen wolle, so meinte er, dann wenigstens bei dem besten Orchester, das er kenne.
Oh, ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie das ablief. Meine Mutter vereinbarte mit dem Dirigenten, Heinz Gengler, einen Termin, an dem ich zum Vorspielen kommen sollte. Vorspielen – oh Graus!
Aber erstmal wurde nix draus. Ich schlug nämlich ungeschickterweise mit der rechten Hand, genauer mit den Knöcheln der rechten Hand auf eine der dicken Kakteen meiner Mutter. Schlimm, dass die Stacheln in der Haut blieben. Noch schlimmer, dass ich Zeige- und Mittelfinger nicht gut bewegen konnte. Die beiden Knöchel waren geschwollen und brannten höllisch. Blöder Kaktus! So wurde der Termin um eine Woche verschoben.
Eine Woche länger Lampenfieber! Ich hab’s ausgehalten. Verlassen hat es mich bis zum letzten Ton bei Herrn Gengler nicht mehr. Herrje! Wie kann man so nervös sein? Ich bibberte innerlich, als ginge es um mein Leben. Der Dirigent stand in seinem Unterrichtszimmer rechts vor mir, meine Mutter ‚lauerte‘ etwas hinter ihm in meinem linken Blickfeld. Erschießungskommando, dachte ich einen Moment, bevor ich meine Finger auf die Tasten legte und zu spielen begann.
Klingt alles furchtbar. Im Nachhinein war es dann nicht so schlimm. Erstens musste ich nicht viel vorspielen – ich glaube, ich spielte „Alte Kameraden“, einen zackigen Marsch – und zweitens war dieser Dirigent und Musiklehrer irgendwie herzig. Er lächelte sehr nett und winkte ab, nachdem ich nur eine Seite vom Marsch zum Besten gegeben hatte. Und dann fiel sein Urteil so erfreulich aus, wie ich es mir in meinem kühnsten Traum nicht hätte ausmalen können.
Aufgrund meines Alters und der fehlenden Orchestererfahrung wurde ich dem Jugendorchester zugeordnet. Ich freute mich wie Bolle.
Mein dicker Herr Flamm freute sich weniger. Ja, er war am Schluss sogar richtig sauer und meinte, wenn ich schon „beim Gengler im Orchester“ spiele, dann könne ich ab sofort auch Unterricht bei dem nehmen. – Das war ja dann wohl ein Rausschmiss! So verstand es auch meine Mutter.
Es war im Grunde genommen das Beste, was mir passieren konnte. Ich bekam dann Unterricht von Heinz Gengler.
Nicht immer einfach, weil der liebe, mild-lächelnde Heinz Gengler manchmal auch ganz schön aufbrausen konnte, wenn ich einen schlechten Tag hatte – oder er – und keinen Ton richtig zu treffen schien, wenn ich – weiß der Geier, wieso – Knoten in den Fingern zu haben schien.
Hin und wieder ging das Temperament mit ihm durch. Dann war er entweder so entrüstet über mein Unvermögen, dass er selbst zu einem kleinen Akkordeon griff und mir nicht ohne einen Anflug von Wut vorspielte, wie er es von mir zu hören wünschte, wobei er den Balg weit aufzog und mich fast vom Stuhl schubste. Oder er war derart begeistert, dass er mit Riesenschritten von einer Ecke des Musikzimmers in die andere lief, wobei er mit seinen Armen weit ausholende Bewegungen machte, um mich allegro molto vivo voranzutreiben oder multi-hyper-crescendo-fffff lauter zu machen und dabei gelegentlich meinen Notenständer in Gefahr brachte, umzustürzen. – Am Ende stand er dann mitunter an der Tür, stützte eine Hand in die Hüfte, lächelte wieder milde, nickte und schaute fast verliebt drein, wenn er sagte: „Gut.“ Welch Lob! So kostbar auch, weil ich es nicht so oft hörte.
Das ist nun ewige Zeiten her. Um es genau zu sagen: 43 Jahre. –
Ich hatte insgesamt gut 4 Jahre Unterricht bei ihm. Wertvolle Jahre!
Und nach gut einem Jahr durfte ich dann im „ersten“ Orchester mitspielen. Wieder so ein nervöser Tag… Aufregung beschreibt meinen Zustand kaum. Ich hatte ja auch keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Und dann setzte Herr Gengler mich auch noch in die erste Stimme. Da wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Und beim Spielen vom Blatt war ich an jenem Abend eine solche Niete, dass eine Tarnkappe zu meinem liebsten Kleidungsstück hätte avancieren können.
Aus Gründen, die vermutlich nur ich selbst verstehen kann, schmiss ich, knapp 19-jährig – meiner Mutter die Brocken, sprich das Instrument samt meiner Musiker„karriere“ vor die Füße. Ich behauptete, nur zu spielen, weil sie es wollte. Damit hab ich mir nur selbst geschadet. Das wusste ich jedoch zu jener stürmischen Rebellinnenzeit nicht.
Knapp ein Jahr später war ich wieder dabei. Ich hatte geheiratet, kaufte mir ein Instrument und durfte da weitermachen, wo ich aufgehört hatte. Doch es währte wiederum nur ein Jahr, dann gab ich das Spielen ganz auf. Der Zwiespalt, in den ich geriet, weil ich das Gefühl vermittelt bekam, dass ich meine junge Ehe vernachlässigte, bereitete mir solche Gewissensbisse meinem Mann gegenüber, dass ich die Musik an den berühmten „goldenen Nagel“ hängte.
Zeit verging – ich wurde Mutter von zwei stürmischen Lausbuben und frönte dem Hausfrauendasein. Bis eines Tages unser Telefon klingelte und ein lieber früherer Spielgenosse fragte, ob ich nicht Lust hätte, in ihrem kleinen Akkordeonorchester mitzuspielen.
Ganz ehrlich: Ich war Feuer und Flamme vom ersten Moment an. Meine Einwände – kein Instrument, zwei kleine Kinder, eigentlich keine Zeit, mein Mann… - lösten sich in der Unterhaltung mit dem lieben „Kollegen“ in Wohlgefallen auf. Und so kam es, dass ich wieder dabei war. Allerdings in einem kleineren Kreis von Spielern, nicht bei den Kölnern. Diese Episode endete soweit ich mich erinnere damit, dass diese Gruppe sich in Wohlgefallen auflöste.
Jahre zogen ins Land. Zwar hatte ich Gelegenheit, mit einem anderen Spielerkollegen die eine oder andere Note zu klimpern, besaß auch mal ein kleines Klavier und – JA, ich hätte schon sehr gerne viel früher wieder musiziert, aber mein Leben verlief stets und ständig vollkommen anders als geplant.
JETZT. Fast dreißig Jahre später lässt mich die Musik in meinem Innern nicht los. Es hat mich erwischt, wie eine Frühlingsliebe. Und obwohl alle bisherigen Suchen der vergangenen drei, vier Jahre nach einem Instrument am notwendigen Kapital scheiterten, suchte ich erneut nach einem finanzierbaren Akkordeon.
Kaum zu glauben: Bingo! Es gab gleich mehrere Angebote. Und so schlug ich zu, kaufte für 350 Euro ein Hohner-Akkordeon. In meiner Begeisterung bildete ich mir ein, dass das Instrument so gepflegt sein würde, wie ich es getan hätte, und dass es trotz seiner 62 Jahre gut spielbar und orchestertauglich sein würde.
In mir reifte der kühne Gedanke, mich wieder einem Orchester anzuschließen… Zufälle gibt es meiner Auffassung nach nicht, und so erstaunte es mich wenig, dass ausgerechnet in meiner näheren Umgebung das Frühjahrskonzert des Ersten Kölner Akkordeon-Orchesters stattfinden würde. Ich nahm via Facebook Kontakt auf, fragte nach Karten fürs Konzert, und ich outete mich als „Ehemalige“.
Mit viel Herzklopfen, ganz aufgeregt fuhr ich zum Konzert. Ob ich noch jemanden wiedererkennen würde? Ob man mich erkennen würde? So viel spannende Aufregung hatte ich lange nicht. Und dann das Wiedersehen! Welche Freude auf beiden Seiten. Ich war ganz happy!
Das Konzert – ein Ohrenschmaus. Und es juckte mir bereits in den Fingern. Wie gerne hätte ich da oben gesessen und mitgespielt. Und natürlich ergab sich auch die Frage danach, ob ich wieder dabei sein wolle. Da wusste ich, dass genau das mein Ziel sein würde.
Ein Instrument war auf dem Weg zu mir, ich würde fleißig üben, und dann, ja dann…
Dann kam der Tag, an dem mir das Akkordeon gebracht wurde. Ich konnte es kaum erwarten, dass der Verkäufer endlich ging und mich mit meinen ersten Spielversuchen nach fast 30 Jahren allein ließ… - Leider gab es kein „Bingo“ als ich es aus dem Koffer packte. Das temperamentvolle „Bingo“ con fuoco reduzierte sich von einem Takt auf den nächsten zu einem breiten largo. Kleider machen nicht immer Leute, tröstete ich mich rasch beim Anblick des Instruments und übersah großzügig das angeknabberte Perlmutt, das eingedrückte Metallnetz und den fleckigen Balg. Ich verzieh dem Gerät auch den äußerst schwergängigen Balg, den ich spürte, als ich es umgeschnallt und erstmals aufgezogen hatte und auch den enormen Tiefgang der Tasten. Doch bei den ersten Spielversuchen fiel meine Stimmung mit einem Schlussakkord ziemlich vivacissimo unter den Gefrierpunkt.
Percussion on board, so könnte ich das Geklapper der Tastatur beschreiben.
Es spielt, wann es will, so könnte ich den Anschlag der letzten 5 bis 8 Tasten des Diskants beschreiben, denn entweder ist dem Akkordeon gar kein Ton zu entlocken oder aber es ertönt einer, den ich gar nicht gespielt habe.
Ich tröstete mich zunächst damit, dass das Instrument ja 4 Jahre nicht gespielt wurde und deshalb erstmal wieder zum Leben erweckt werden muss. Wenig tröstlich fand ich die Erkenntnis, dass ich mit diesem Schätzchen auf keinen Fall dem Dirigenten vorspielen könnte und erst recht keine Bereicherung für das Orchester sein würde.
So übte ich eifrig jeden Tag meine Etüden und stellte fest, dass die gebräuchlichsten Töne dann doch einigermaßen funktionierten. Zum Üben also taugte es auf jeden Fall. In der Zwischenzeit hielt ich bereits Ausschau nach einem anderen Instrument, musste aber erkennen, dass ich nicht in der Lage sein würde, so bald über 2 000 Euro und mehr aufzubringen, um ein solches zu erwerben.
Inzwischen habe ich das Gefühl, die Töne funktionieren immer weniger. Jetzt klingen einige sogar ziemlich schräg. Ich glaube, ich habe es überfordert, erschreckt mit meinem Übungseifer. Vielleicht auch mit der Literatur, die ich ihm zumute? Keine Ahnung, was die Vorbesitzerin spielte.
Und während ich mich bereits mit dem Gedanken anfreunden und abfinden wollte, dass ich, wie so viele Male in meinem Leben Träume und Wünsche in die Zukunft verschiebe oder Träume ebensolche sein lasse, fiel mir ein Spielerkollege ein, der ein Instrument hat, auf dem er nicht oder nur noch selten spielt… Da ich beschlossen hatte, bei aller Wartezeit oder der möglichen Unmöglichkeit des Mitspielens auf jeden Fall Kontakt zu halten, telefonierte ich heute mit ihm.
Musiker können es nicht lassen über die Musik zu sprechen. Freilich hätte ich ihn auf jeden Fall auch selbst direkt gefragt, aber im Laufe des Gespräches bot er mir von sich aus an, dass ich zunächst mal mit seinem Instrument spielen darf.

Musik ist ein wichtiger Teil meines Lebens – jetzt bald auch wieder vollaktiv.

(15. Juli 2016 by AF)

Foto by Holger Schué (Stadecken-Elsheim) #pixabay.com



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Montag

104 Briefe an dich - Brief 18






Foto von saftladen pixabay.comhttp://www.pixabay.com


Brief 18 aus "104   Briefe an dich"

Liebe, Mitleid, Mitgefühl

- ein philosophischer Spaziergang -

Zu diesem Thema sind eine ganze Menge interessanter Bücher gedruckt worden, und eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ein halbwegs intelligenter und gebildeter Mensch einen Unterschied erkennt. Rein rational ist dies auch der Fall.
Was ich jedoch immer wieder feststelle, ist die schwindende Empathie zwischen den Menschen. Niemand ist mehr bereit, sich in die Schuhe des anderen zu stellen, wie die Indianer das so schön beschreiben. Und die konnten das noch. Eine Sache aus der Sicht des anderen zu betrachten ist schon viel. Sich dann noch in dessen Schuhen und mit seiner Sichtweise auch gefühlsmäßig in ihn hineinzuversetzen – das scheint eine aussterbende Kunst.
Wir beide sprachen auch schon oft davon.
Nicht selten wird Mitleid mit Liebe verwechselt. Oder umgekehrt. Manchmal gleitet die Liebe, die Menschen einmal miteinander verband, im Laufe der Zeit ganz allmählich in eine Form von Mitleid über. Die Grenze ist verschwommen und deshalb schleichend der Übergang, sodass es den Beteiligten oft nicht bewusst wird. Haben sie erkannt, wohin sich ihre Liebe entwickelt hat, können sie oft den Zeitpunkt, ab wann die Veränderung eintrat, nicht mehr feststellen. Die Erkenntnis ist für sie gleichermaßen erschreckend, ernüchternd, aber möglicherweise befreiend. Plötzlich entsteht eine Klarheit im Feststellen der Wahrheit, die eine völlig neue Sicht auf das Leben und Zusammenleben bringt. Dann ist der Weg frei für (Rück-)besinnung und Veränderung.
Das Mitleid ist ein eigenes Gefühl. Es hat in der Liebe nichts zu suchen. Es ist Gift für die ehrliche, aufrichtige Liebe, denn es verletzt die Offenheit, das Vertrauen und mitunter auch das Wesen des einen oder anderen erheblich. Es ist beherrscht von falschem Verständnis, falsch verstandener Rücksichtnahme, Eigennützigkeit und vorweggenommenem Denken und Fühlen des jeweils anderen. Ich bezeichne es als falsch verstandenes Mitgefühl.
Mitgefühl hingegen ist ein wichtiger Aspekt der Liebe. Liebe zwischen Menschen und die Liebe zu allem, was ist. Ohne Mitgefühl, das heißt, ohne sich in den anderen hineinzuversetzen, empathisch zu sein, fehlt der Liebe etwas. Es mangelt ihr dann an Verstehen, Vertrauen, Gefühl, Achtung, Respekt und so weiter und so fort. Unabdingbare Grundlagen. Mitgefühl unter Liebenden bedeutet ebendies, es fördert das Angenommensein und Verstandenwerden von Anderssein. Es respektiert (mindestens) zwei Individuen in einer Gemeinschaft als Du und Ich. Mitgefühl ist eine menschliche Gabe und hat vor allem mit Achtung und Respekt vor der Verletzbarkeit des anderen zu tun, heißt: ich fühle mit dir, ich verstehe dich, du darfst dich mir anvertrauen. Im Empfinden des Mitgefühls bleiben zwei Menschen respektvoll ein Du und ein Ich, die miteinander agieren, Unterschiede integrieren und in ihrem Gefüge flexibel und entwicklungsfähig bleiben.
Und es ist nicht nur das Mitgefühl des einen für den anderen, der da vielleicht einmal aus unterschiedlichsten Gründen leidet. Sondern auch umgekehrt: So wie sich einer dem anderen anvertraut und anlehnen darf, so respektiert dieser doch die Grenzen des anderen. Er stülpt ihm nicht die Verantwortung für seine Gefühle über, sondern bleibt ganz bei sich. Er darf sich jedoch weiterhin darauf verlassen, angenommen und verstanden zu werden. Er darf sich anvertrauen, ohne Angst vor dem Danach.
Mitleid hingegen kann eine Strafe und Beleidigung sein für jenen, dem es zukommt, weil es ihm wiederum eine Gewissenslast bedeutet, ein Mitleiden beim anderen zu verursachen. Es ist sein Leid, auf das nur er ein Recht hat. Manche Menschen sind da ziemlich eigen. Mit ihnen mitzuleiden kann für sie einen Angriff auf ihr Selbst bedeuten. Im Mitleid für den anderen, verschmelzen Du und Ich im Leiden, und das ist nicht recht und es hilft keinem.

Vielleicht sind das haarspaltende Wortspielereien? Vielleicht denke ja nur ich so? Nein! Vielleicht fühle nur ich so? Aber für mich besteht zwischen beidem – Mitleiden und Mitfühlen – ein ganz erheblicher Unterschied. Gleichzeitig erkenne ich, dass Mitleiden wiederum aus einem tiefempfundenen Mitgefühl entsteht, in dem sich das Individuum nicht genügend abgrenzt. – Vielleicht ist darin der Sinn der Dualität zu verstehen? Du und Ich. Yin und Yang. Schwarz und Weiß. Irgendwo gibt es immer eine Verbindung, und doch ist es sehr wichtig, dass die Dinge (Menschen) getrennt bleiben. Voneinander abgegrenzt und nicht miteinander verstrickt, denn das führt zur Verwirrung. Und noch vielleichter ist dies das Geheimnis eines zufriedenen Daseins? Nämlich dass man bewusst bleibt für die Grenzen innerhalb einer tiefen Verbundenheit mit dem anderen!
"104  Briefe an dich"
ist erschienen bei tredition Verlag, Hamburg