Sonntag

Bonbons und bittere Pillen

11


Verlockung, Furcht und Trotz

[Aber ich mache, was ich will!]


Anna verharmloste die Art und Weise, wie sie ihre neue Freiheit genoss.
Du gehst zum Sport mit Horst, ich genieße meine Freizeit mit den Musikern“, sagte sie schließlich.
Nur dass ich nicht erst im Morgengrauen nach Hause komme“, wandte Manfred vorwurfsvoll ein.
Das ist ja nicht immer so!“, gab Anna energisch zurück. „Dafür verreist du einmal jährlich mit deinen Kartenbrüdern für eine ganze Woche Gott weiß wohin – ohne deine Familie! Für uns bleibt immer nur das Ferienhaus in Bayern mit dem ständigen Herumwandern durch den Wald.“
Anna biss sich auf die Lippe. Jetzt war sie doch in die Stimmung geraten, Manfred einmal alles vor den Kopf zu werfen, was sie störte. Und die Urlaube im trauten Bayerischen Wald gingen ihr gehörig auf den Keks. Häufig gab's Regen ohne Ende statt Sonnenschein und Urlaubsbräune, während er sonnenverwöhnt durch Kenia oder Mexico turnte. Schon der Gedanke an die Ungerechtigkeit ließ ihre Galle überkochen.
Sie atmete tief ein und aus. Das war doch auch jetzt gar nicht das Thema der Unterhaltung, entschied sie. Es ging im die Abende mit den Musikerkollegen. Und da hatte sie soeben ein wenig geschwindelt, denn es war schon so, dass sie nicht nur gelegentlich so lange mit ihnen unterwegs war, sondern immer. Sie hatte sich darauf eingerichtet, dass Manfred sich dafür überhaupt nicht interessierte, nachdem er immer friedlich schlummerte.
Na, hör mal“, begehrte Manfred auf, „dafür arbeiten wir ja auch.“
Ja ja, auch wieder Zeit, die du nicht mit uns verbringst, weil du irgendwo Handlangerdienste verrichtest, um die Reisekasse zu füllen. Aber, lass uns jetzt nicht darüber diskutieren. Ich gönne dir das ja von Herzen.“ Da log sie schon wieder, denn sie gönnte es ihm schon lange nicht mehr. Doch auch das wollte sie nicht sagen. Statt dessen meinte sie milde: „Versteh doch einfach, dass ich dieses kleine bisschen Freizeit mit Gleichgesinnten ebenso genießen mag wie du die deine.“
Mhm.“
Manfred starrte auf seine Hände, die er auf dem Esstisch gefaltet hielt. Er schien nachzudenken, und Anna hoffte im Stillen, er würde einfach einsehen, dass ihr diese Zeiten nur gut taten.
Was ihr außerdem gut tat, waren die Komplimente, die Schmeicheleien, die sie hörte. Balsam für ihre Seele …. Das Bedürfnis, als Frau umworben zu werden, war in ihr neu entfacht worden. Es war Anna nicht entgangen, dass der Bassist und der Keyboarder gleichermaßen um sie buhlten. Anfangs dachte sie noch, sie würde sich das einbilden und schüttelte den Kopf über ihre Gedanken. Doch im Laufe der vergangenen Wochen hatte sie es immer stärker gespürt. Das war eine Wohltat für ihr angeknackstes Selbstwertgefühl. Und – JA! - sie schämte sich dessen auch nicht. Es war die natürlichste Sache der Welt, dass Frauen den Männern gefallen wollten und umgekehrt. Und mehr war es ja auch nicht, tröstete sie ihr kleines schlechtes Gewissen im Stillen. Was war schon dabei, mit zwei gutaussehenden Männern an einem Tisch oder einer Theke zu sitzen und viel zu lachen und dabei einfach mal den Alltag zu vergessen? Nichts!
Manfred gab sich an diesem Abend mit dem Ausgang der Diskussion zufrieden.
Na, schön“, lenkte er ein. „Lass uns schlafen gehen. Ich bin müde.“
Damit erhob er sich und schlappte ins Badezimmer.
Anna sah auf die offene Wohnzimmertür. Einerseits war sie froh, dass Manfred keinen weiteren Zirkus veranstaltete, andererseits fühlte sie etwas Unzufriedenheit. Woher diese kam, konnte sie noch nicht so genau sagen. Vielleicht lag es daran, dass ihr Mann sich einfach abzufinden schien. Obwohl das eine Eigenschaft war, die sie aus den gemeinsamen Jahren gut kannte, gab es Momente, in denen sie gerade deswegen gern an die Decke gegangen wäre. Manfred fand sich immer irgendwie mit allem ab, auch dann, wenn es zu seinem Nachteil war.
Er ist eben kein Kämpfer, stellte sie etwas bitter fest. Was wäre, wenn …. Ja, Anna war empfänglich geworden für die Komplimente anderer Männer. Sie nahm sie nicht mehr einfach nur dankend an, sondern spürte deutlich, dass mehr in ihr passierte. Sie hungerte förmlich danach. Das bereitete ihr Furcht.
Mit Manfred würde sie gern darüber reden. Er war ihr Ehemann. Ihr Gefährte. Sie wünschte sich, dass er sie beschützte vor den anderen, die sie zu begehren schienen. Musste er das nicht auch merken? Spüren, dass …. Nee, Anna verwarf den Gedanken sofort wieder. Manfred spürte nix. Der hielt sich an Tatsachen fest. Eben an den Dingen, die man sehen und anfassen konnte. Gefühle, Ahnungen, einfach nur spüren, dass irgendwas nicht in Ordnung war, das konnte er nicht.
Anna sah in diesem Moment keine Möglichkeit, mit Manfred darüber zu sprechen. Gerade noch hatte er ihr die Frage nach einer Affäre gestellt, und wenn sie jetzt mit der Bitte käme, er möge sie vor den Avancen der anderen Männer beschützen, wäre womöglich ein Feuer ausgebrochen, wo noch nicht mal ein Funke existierte. Es war ja nichts, beruhigte sie sich. Sie stand auf, ging ins Bad und entschied: Und es würde auch nichts sein! Basta!
Als Anna unter ihre Decke kroch, hörte sie schon gleichmäßige Atemgeräusche aus dem Bett neben ihr. Manfred war – bewundernswerterweise! - bereits eingeschlafen. Immer wieder faszinierend, dachte sie, während sie selbst vermutlich noch viele Gedanken im Kopf haben würde, schlummerte dieser Mann selig. Sie seufzte.
Ob sie Manfred mehr in die Orchestergemeinschaft mit einbeziehen sollte? Vielleicht gab es die Möglichkeit, dass er einmal mit zur Probe fuhr. Oder sie abholte? Dann konnte er die anderen besser kennenlernen. Doch Anna verwarf den Gedanken sofort wieder. Zum Einen hatte Manfred näheres Kennenlernen aus beruflichen und zeitlichen Gründen abgelehnt und zum Anderen wollte Anna das auch gar nicht. Nein, nein und nochmals nein! Es war ihre Freizeit, ihre Musik, ihr Orchester – ihr kleines bisschen Freiheit.
Mit den Annäherungsversuchen von Peter und Christoph musste sie eben irgendwie klarkommen. Genießen, so weit sie es vertreten mochte und sich abgrenzen, wo die Gefahr drohte, dass die Sache aus dem Ruder laufen könnte. War doch ganz einfach! Anna wurde mit diesen Überlegungen ruhiger in ihrem Bett und schlief endlich ein.
Doch mit der Kontrolle ist das so eine Sache, das stellte Anna schon recht bald fest. Keyboarder Christoph sagte es ihr auf den Kopf zu: „Kontrolle! Wie willst du Gefühle kontrollieren? Ich sag dir was: Ich mag dich mehr als ich sollte, und das habe ich nicht gewollt. Ich weiß, du bist zu Hause nicht glücklich. Komm mit zu mir. Nur eine Nacht. Als Denkzettel für deinen herrlich desinteressierten Gatten. Oder komm ganz zu mir, Anna. Dich würde ich auch mit deinen zwei Kindern haben wollen.“
Anna blieb fast das Herz stehen für eine Sekunde. Sie saßen nach der Probe auf ihren Instrumentenkoffern und genossen die laue Sommernachtluft. Alle anderen waren bereits gefahren. Peter hatte sich krank entschuldigt. Christoph und Anna waren allein auf weiter Flur, und da sagte der ihr so was!
Anna klopfte das Herz vor Aufregung sehr. Zu dem, was Christoph gesagt hatte, äußerte sie sich erstmal nicht. Die Situation gefiel ihr, und sie gefiel ihr ebenso nicht. Es prickelte, weil Christoph es auch wagte, sie immer wieder fest in seine Arme zu nehmen und dabei ihren Rücken zu streicheln. Es tat ihr so unendlich wohl. Aber ihr Verstand funktionierte trotz etwas Alkohol und dem Wohlbehagen, das so sehr dazu einlud, sich fallen zu lassen, einwandfrei. Deshalb nutzte sie jede Gelegenheit, sich den Umarmungen zu entziehen.
Du bist feige“, frohlockte Christoph mit seiner wahnsinnig sanften Stimme, die Anna eine kleine Gänsehaut über den Körper schickte.
Nein, bin ich nicht. Ich bin verantwortungsbewusst“, widersprach sie.
Christoph lachte und war wenig überzeugt: „Das bist du wohl auch. Aber du traust dich einfach nicht zu tun, was du tun möchtest. Und ich weiß, du möchtest mit mir nach Hause fahren.“
Das hättest du wohl gern.“
Allerdings“, stimmte er unumwunden zu. „Aber du brauchst dir keine Sorgen machen. Du schläfst im Bett. Ich auf dem Sofa. Morgen früh fährst du wieder nach Hause.“
Anna stutzte.
Da bist du erstaunt, nicht wahr? Hattest gedacht, ich wollte dich bloß ins Bett kriegen.“
Sie lachten beide. Anna erleichtert. Christoph amüsiert.
Oh, ich würde mich nicht wehren“, sagte er, „wenn du an meiner Seite schlafen wolltest. Aber darum geht es jetzt doch gar nicht, meine Liebe. Es geht darum, in deiner Ehe ein Zeichen zu setzen, damit dein Mann aufwacht. - Falls du das überhaupt willst.“
Anna zuckte innerlich zusammen. Diese Frage hatte sie sich überhaupt noch nie gestellt. Sie liebte ihren Manfred. Sie fand ihn lediglich …, egoistisch, desinteressiert, eigensinnig, emotional eingeschränkt, wenig feinfühlig, rechthaberisch, als Vater oft ziemlich daneben, als Partner ließ er sie meist im Regen stehen. Oh weh! Liebte sie Manfred?
Ich habe wohl ins Schwarze getroffen, stimmt's?“
Nein“, Anna hatte sich sofort wieder gefangen, „das nicht. Ich glaube nicht, dass es etwas bewegt, wenn ich eine Nacht nicht heimkomme. Ich meine, er hat ja nun sowieso schon gemerkt, dass ich gelegentlich sehr spät nach Hause komme.“
Christoph lachte laut auf.
Lach du nur“, winkte Anna ab.
Gelegentlich, dass ich nicht lache! Du nutzt jede Gelegenheit aus, nicht nach Hause zu fahren, liebe Anna. Und ich kann das gut verstehen. Außerdem bin ich ja Nutznießer.“
Er zwinkerte ihr zu und versuchte, sich ihrem Gesicht zu nähern für einen Kuss.
Lass das!“, fuhr Anna ihn an. „Nutze meine schwächliche Position nicht auch noch aus.“
Und flirten kannste wie keine zweite“, sagte er begeistert. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass Peter sich in dich verguckt hat?“
Wie jetzt?“
Anna hatte in Nanosekundenschnelle beschlossen, sich ahnungslos zu geben.
Christoph schaute ihr prüfend in die Augen. Mit regungsloser Miene betrachtete er ihre Reaktion.
Okay, du hast es wirklich noch nicht gemerkt“, staunte er. „Aber für mich ist sein Verhalten eindeutig. Bin ja schließlich auch ein Kerl.“
Ach, nee!“
Sie lachten wieder. Dann war es Zeit für Anna, nach Hause zu fahren. Christoph musste am nächsten Morgen früh zum Dienst, sie ins Büro und überhaupt war der Abend schon wieder ziemlich lang geworden. Die Zeit war einfach nur so verflogen.
Anna stieg in ihr kleines Auto, kurbelte die Fensterscheibe herunter und fuhr durch die milde, nach allerlei Blüten duftende Nachtluft nach Hause. Das Lächeln wich nicht aus ihrem Gesicht. Sie fühlte sich leicht und frei und rundum glücklich. Sie freute sich auf ihr Zuhause, das Bett und die Kinder am nächsten Morgen. Und Manfred? Ihr Lächeln wich. Ob er wieder auf sie warten würde?
Erleichtert stellte sie fest, dass die Wohnung dunkel war, als sie aus dem Wagen stieg. Sie wuchtete das Instrument aus dem Kofferraum und hievte es die Treppen bis in den zweiten Stock hoch. Leise schloss sie die Tür auf. Alles war still.
Im Bad machte sie sich rasch schlaffertig und legte sich ins Bett.
Drei Uhr“, ertönte Manfreds Stimme aus den Kissen hervor. „Muss das eigentlich sein?“
Anna verdrehte die Augen. Warum konnte er nicht einfach schlafen wie bisher? Sie hatte keine Lust auf Debatten im Ehebett. Stattdessen rutschte sie zu ihm unter die Decke und schmiegte sich an ihn.
Manfreds Körper war schön warm und roch herrlich männlich. Vielleicht …, schweigend streichelte sie ihn, küsste ihm sanft Stirn, Nase und Lippen. Er sagte nichts mehr, sondern umarmte sie, küsste sie fest auf den Mund. Anna hasste die Art, wie er küsste. Dennoch öffnete sie sich und gab sich seiner erwachten Leidenschaft hin. Innerlich unbeteiligt.
Leise atmete er danach, tief und fest war er eingeschlafen, nachdem er sich weggedreht hatte. Anna lag mit weit offenen Augen neben ihm und fühlte sich elend. Das würde sie nicht noch einmal tun, schwor sie sich. Warum hatte sie das überhaupt getan? Sie wusste es nicht.
Eines aber wusste sie. Nun war Manfred beruhigt. Und selbst wenn er es nicht war. Sie würde ihre kleine Freiheit genießen. - Mit dem Trotz in ihrer Seele beschloss sie, in ihrer Freizeit weiterhin zu tun, was sie wollte. Schließlich nahm sie niemandem etwas weg, tat niemandem weh, denn sie tat nichts Verbotenes.
Die Furcht jedoch, die sie in ihrem Herzen belastete, schwelte unaufhörlich. Konnte sie sich selbst wirklich garantieren, die Kontrolle zu behalten?