Donnerstag

Einschätzung

Gestern früh auf dem Weg zum Büro sah ich ihn. Ich näherte mich dem Kaufhof auf der Schildergasse und erblickte einen schlafenden Hund und einen Mann. Beide saßen auf dem Boden vor einem Schaufenster gegenüber dem Bierbrunnen.
Penner? Rumtreiber? Obdachloser? Außenseiter?
Klar, dachte ich und setzte meinen Weg schnellen Schrittes fort, auch weil ich nicht zu spät ins Büro kommen wollte. Dann schien die Zeit plötzlich langsamer zu laufen, meine Schritte fühlten sich an wie die Zeitlupe in einem Film und jeder Gedanke an den Job löste sich auf in Nichts.
Der Hund lag eingerollt wie ein Kätzchen auf einer dicken Wolldecke. Neben ihm saß, im Schneidersitz, der Mann. Er trug eine schwarze Baseballkappe und hielt eine Gitarre auf seinem Schoß, über die er sich beugte, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.
Hatte er mein Näherkommen bemerkt? Ich weiß es nicht, jedenfalls hob er langsam den Kopf und sah mir direkt ins Gesicht. Ein lebhaftes, leuchtendes Augenpaar mit klarem, hellwachem Blick traf das meine. Er war jung, trug einen Dreitagebart und strahlte eine freundliche Wärme aus, die ich nicht erwartet hatte. Ein Lächeln des Erstaunens und der Überraschung schlich sich in mein Gesicht gleichzeitig zu dem seinen, dabei entblößte er eine Reihe schöner Zähne. Fast im gleichen Augenblick wünschten wir einander einen guten Morgen.
Er schaute mir nach und ich drehte mich noch zweimal lächelnd um.
Penner? Rumtreiber? Obdachloser? - Lebenskünstler...? -
Für einen Moment ärgerte es mich, dass mein gewohntes Tempo wiederkehrte, mein Weg mich pflichtbewusst zwangsläufig ins Büro führte und ich nicht die Freiheit hatte, diesen interessanten jungen Menschen zu einer Tasse Kaffee einzuladen. Seine Geschichte hätte mich interessiert.
©2008 by af / angelika fleckenstein