Montag

(M)ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit

 
Drei wesentliche Faktoren beeinflussten meine persönliche Entdeckung einer inneren Freiheit:

  1. Nein sagen
  2. Sokrates
  3. Vertrauen im Angesicht aller Möglichkeiten

Vielleicht könnte ich sagen, dass das Finden der eigenen Mitte dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit vermittelt? Vielleicht ist es auch umgekehrt? Dass man nämlich aus dem Gefühl der Freiheit ein Empfinden der Mitte verspürt? Mitte mitten im ganzheitlichen Sein?
Au weia! Das ist ja vielleicht kompliziert. Es ist tatsächlich schwierig, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Außerdem ist es meine ganz subjektive Erfahrung, und ich muss einschränkend anmerken, dass mit 100 %iger Sicherheit jeder Mensch anders empfinden wird. Wird er, und ist es wirklich so kompliziert? Merken Sie was? Ich stelle meine eigenen Überlegungen in Frage...
So hat das einmal angefangen. Hinzu kam, dass ich meinem Gefühl folgte, wenn es mir Zweifel einflößte, ob ich etwas wirklich will oder nicht. Dazu muss ich sagen, dass ich den allergrößten Teil meines Lebens zu jenen Menschen gehörte, die in vorderster Reihe »hier« schrien, wenn es um die Verteilung dicker Verantwortungspakete ging. Verantwortung? Bitte hier zu mir! Ich kann alles, schaffe alles und werde es erledigen, noch bevor jemand überhaupt den Wunsch geäußert hat. Hellsehen war auch so eine wunderbare Fähigkeit, zu der ich irgendwann einfach keine Lust mehr hatte. - Ich spürte immer mehr Widerwillen und fragte mich, ob nicht auch andere etwas tun können und ob denn wirklich ich immer das einzig Richtige zu tun wusste. Und so lernte ich allmählich nein zu sagen. Und wissen Sie was? Es tat mir gut.
Andere Situation: während ich mich meistens bei manchem Problem in Spekulationen und Vermutungen verstrickte, die mir das Hirn zermarterten und seelisches wie körperliches Unbehagen verursachten, fand ich für bestimmte Fragen keine Antworten. Im Spekulieren und Phantasieren kreiste ich mutwillig um mich selbst, ohne zu schlüssigen Erkenntnissen zu gelangen. Das führte so weit, dass ich mich sogar darin versuchte, für andere zu denken, um sie berechnen zu können. Dabei unterstellte ich ihnen dies und das, meist Negatives. Ich wollte immer auf den nächsten Schlag vorbereitet sein, jedem potenziellen Angreifer zuvor kommen. Ich nahm Geschehnisse vorweg, erwartete nicht das Beste und handelte oft voreilig getreu dem Glauben: wenn ich es nicht tue, wer dann? Leider zerstörte ich dabei z.B. Beziehungen, die bei anderer Betrachtungs-, Denk- und Handlungsweise durchaus eine Chance gehabt hätten zu werden.
Ich begann, meine endlosen Denkwirbel zu unterbrechen, indem ich zunächst einmal nein! sagte und damit den Wirbel stoppte. Dann begann ich, mir jeweils die Gegenfrage zu stellen, meine Überlegungen in Zweifel zu ziehen oder ich schickte sie gar ins Land der Absurditäten. Es macht wirklich Spaß, Sie sollten es mal versuchen.
Woher rührt denn da das »unbeschreibliche Gefühl von Freiheit«? Ja, ja ich komme schon noch darauf, Sie müssen sich schon gedulden bis zum Schluss.
Also nein sagen war der Anfang. Das braucht Übung. Das braucht auch ein bisschen Mut. Ab und zu stoßen wir nämlich, ob wir wollen oder nicht, jemandem damit vor den Kopf, wenn wir nein sagen. Aber meine Befürchtung, dass dann der- oder diejenige das Weite sucht und mich verflucht, die trat nicht ein. Es kam fast immer ganz anders. Ja, es entwickelte sich sogar hinterher positiver als zuvor.
Ich empfand zunächst einmal Freiheit darin, überhaupt jederzeit die Wahl zu haben.
Mit den Gedanken ist das ebenso. Was sind Gedanken anderes als bloße Konstrukte unserer (manchmal) blühenden Phantasie? Sicher hat jeder schon die Entstehung von Gedanken aus Gedanken erlebt, oder? Eigentlich haben wir unseren Verstand als Kontrollinstanz; er tritt immer nur dann in Aktion, wenn wir ihn einschalten wollen oder müssen. Hin und wieder ist das notwendig, und ich muss hier nicht auf Einzelheiten eingehen. Wenn unser Verstand aber übermächtig agiert, weil die Kommunikation mit der Bauchzentrale unterbunden wird, entstehen diese grässlichen, gefährlichen Gedankenkarussells, denen nur schwer zu entrinnen ist. Also halten Sie Ihren Verstand in Schach! Der darf nur reden, wenn er gefragt wird!
Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich nur auf das beschränken kann, was ich wirklich weiß. Was ich wirklich kenne, sind meine Gefühle in einer Angelegenheit und ein paar klar vor Augen stehende Fakten. Mehr nicht. Der Versuch, auch für den oder die anderen denken oder gar entscheiden zu wollen, muss kläglich scheitern. Wir sind alle Individuen, jeder einzigartig. Vor allen Dingen aber sind die anderen ganz anders als ich.
Müsste ich eigentlich zu den oben genannten Punkten noch die »Akzeptanz des Andersseins« hinzufügen. - Aber ich will ja hier kein Buch schreiben, sondern nur einen ganz kleinen Ausschnitt dessen, was für mich zu diesem phänomenalen Freiheitsgefühl führt.
Da sind wir wieder beim Thema. Und Sie drängeln immer noch, um dahinter zu kommen, wie das funktioniert. Halten Sie die Füße still, ich komme noch zum Schluss.
Mit dem »nicht wissen können« landete ich beim alten Sokrates.
Zitat: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
Vielleicht kennen einige von Ihnen den Spruch. Früher mal hab ich drüber gelächelt und dachte, na ja, der olle Philosoph konnte zu seiner Zeit schließlich nicht alles wissen. Aber es braucht wohl mehr Auseinandersetzung mit den Worten dieses wirklich weisen Philosophen, um den Satz in seiner Gesamtaussage zu verstehen.
Ich empfehle Ihnen folgende Übung: wenn Sie mal gedanklich um ein Problem kreisen, das Sie mit einem anderen Menschen oder System haben, sagen Sie sich genau den Satz. »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Beobachten Sie, was in Ihnen passiert. Ich sage Ihnen aber auch gleich, dass das nicht auf Knopfdruck funktioniert, sondern Übung braucht.
Der Satz jedenfalls durchbricht nach dem Nein-Sagen zunächst mal den emotionalen Stress oft sinnloser Grübelei wohltuend, das werden Sie bemerken.
Wie? Sie fühlen sich deswegen jetzt nicht freier? Hab ich gesagt, dass ich hier ein Patentrezept anbiete? Nein, wir bleiben hübsch bei meiner ganz persönlichen Erfahrungs- und Betrachtungsweise...
Nun jedenfalls ist erst einmal Ruhe eingekehrt in unserem Innern. Ich meine, zumindest in meinem und vielleicht im Laufe der Zeit auch in Ihrem.
Es braucht wieder einige Zeit, um Erfahrungen zu machen. Nämlich die, dass das Loslassen der Gedankenkonstrukte zu der Einsicht führen kann, dass ich im Grunde genommen nur wenig (manchmal sogar gar nichts) weiß. Wissen Sie, was daraus resultieren kann?
Furcht. Es wird nach der kurzen Ruhe, die eintritt, ein bisschen schwammig in der Magengrube. Fühlt sich ungefähr so an, als wäre man eben aus dem Flieger gehopst und betet, dass man rechtzeitig die Reißleine findet. Bis dahin plumpst man aber im freien Fall einem ungewissen Schicksal entgegen...
Hier kommt das Vertrauen ins Spiel.
Ich erkannte, dass von wenigstens zwei möglichen Varianten meiner Erwartungen oder Befürchtungen jede so möglich wie unmöglich ist. Ferner wurde mir klar, dass ich genau das nicht beeinflussen kann. - Es ist wahrlich schwer, das Menschen zu erklären, die davon überzeugt sind, alles steuern zu können, weil sie Herr über sich und ihr Schicksal zu sein glauben. Ich will es dennoch weiter versuchen.
Zunächst einmal machte mir der Gedanke wirklich Angst. Gerade ich, die stets ihre Pfoten an allen Hebeln hatte und immer auch den Mut zu handeln, sollte keinerlei Einfluss nehmen auf das Geschehen des morgigen Tages oder der nächsten Monate? Tatsache ist, dass ich mit dem Loslassen keine Hebel mehr in den Händen hielt. Sie erinnern sich: ich hatte nein sagen gelernt und war aus der ersten Reihe abgetreten, ich hatte mich selbst in meinem Denken in Frage gestellt und ich hatte mich anvertraut.
Anvertraut dem Leben! Und da war sie, meine Erkenntnis.
Vertrauen in das Leben. Vertrauen dahinein, dass im Leben das meiste für uns so bereitet ist, wie es richtig ist. Mit dem Leben fließen, der Intuition vertrauen, anderen Menschen vertrauen und dem Drang widerstehen, sie nach unseren Vorstellungen zu lenken und zu manipulieren, damit die Dinge nach unserer Nase und in unserem Tempo laufen.
Vertrauen im Angesicht aller Möglichkeiten... - und das Beste erwarten. Das bedeutet, die Gedanken zu kontrollieren, ihre Qualität sollte positive Energien haben. Letzteres wurde mir auf meinem Weg Reiki oft gesagt, noch öfter geübt und ich dachte, ich würde es beherrschen. Um die Gedanken zu beherrschen, muss man üben. Und was bedeutet denn „das Beste“? Dazu muss man sich ganz nüchtern vor Augen führen, dass das Beste nicht immer das sein kann, was wir für das Beste halten, sondern das, was das Leben für das Beste hält. Erst ganz am Ende unserer Einsichten steht, dass das, was uns widerfuhr, das Beste ist oder war.
Meines Erachtens liegt der Schlüssel in der Akzeptanz. Von vornherein auch die Möglichkeit zu sehen, dass das weniger Schöne sich realisieren kann, braucht Akzeptanz. Akzeptieren nämlich, dass es Dinge gibt, die wir einfach nicht ändern können und hinnehmen müssen. Eine optimistische Einstellung lässt uns das Gute daran erkennen und führt uns auf den Weg, unsere eigene Position so zu verändern, dass letztlich das Beste für uns daraus entstehen kann.
Vielleicht ist das die Sichtweise eines geradezu professionellen Optimisten wie ich einer bin. Irgendwer hat mir das, glaube ich, in die Wiege gelegt. Es ist mein Leben lang meine ganz persönliche Überlebensstrategie: ein gesunder Optimismus! Dabei finde ich in allem, was mir widerfährt, den Sinn und das Gute für mich und meinen Weg.
Aus all dem jedenfalls, resultiert für mich das wunderbare Gefühl von Freiheit.
Nichts muss, doch alles kann. Und so wird mein Vertrauen nicht enttäuscht, denn in der Erwartungslosigkeit, welche von zwei oder mehr Möglichkeiten nun real wird, liegt eine unbeschreibliche Ruhe. Einfach nichts tun zu können und/oder zu wollen, kann sehr wohltuend sein. Außerdem wird dieses Empfinden gestärkt durch die positiven Erfahrungen, die ich seit einiger Zeit damit mache.
Wenn dieses Gefühl... oh jaaa! Ich darf eines nicht vergessen zu erwähnen!
Dieses unbeschreiblich schöne Gefühl ist natürlich kein Dauerzustand. Das sollten Sie sich auf einem Post-It an den Garderobenspiegel, den Küchenschrank, auf den Nachttisch und das Frühstücksbrettchen pappen. Es ist vielmehr ein besonderer Augenblick, der je nach Intensität mal länger mal kürzer dauert.
Wenn also dieses Gefühl eintritt, spüre ich mein Innerstes ganz weit und hell werden. - Glauben Sie bitte nicht, dass ich spinne. Das fühlt sich wirklich so an. Wenn es bei Ihnen anders ist, okay. Jedem einzigartigen Individuum das Seine! - Gedanken fließen ruhig, werten und verurteilen nicht. Dann ist da dieses Lächeln, das ich im Herzen fühle und das meine Augen zum Leuchten bringt. Das habe ich nicht selbst gesehen, sondern das haben mir andere Menschen gesagt. Und ich genieße diesen besonderen Moment so intensiv, dass für eine Weile die Zeit nicht existiert. Dieses Gefühl lässt mich leicht an meine Aufgaben herangehen, offen auf jeden Menschen zugehen. Ich lehne mich an das Leben an, gebe mich hin seinem Fluss. Keine Sorge, ich kann paddeln und schwimmen, falls nötig, und ein Ruder habe ich auch zur Hand. Sich dem Leben anzuvertrauen und mit innerer Ruhe und Gelassenheit den Dingen beim Werden zuzusehen ohne selbst Einfluss nehmen zu müssen, bedeutet nicht, dass man die Hände in den Schoß legt, weil sich alles so hübsch von alleine dahin bewegt, wohin wir letztlich wollen sollen. Konkrete Ziele sollen wir dennoch haben.
Die Ziele lassen sich leichter verwirklichen, wenn wir uns anvertrauen. Wenn wir unserer Intuition vertrauen und uns hingeben an die Entwicklungen und nur eingreifen, wenn uns unser Gefühl in Zusammenarbeit mit dem Verstand dazu rät.
Das wunderbare Gefühl der Freiheit hat ganz viel mit »Loslassen« zu tun. Aber dazu äußere ich mich demnächst, denn es ist ein großes Thema. Für heute ist das, was Sie gelesen haben, erst einmal genug. Ich hoffe, ich habe Ihnen ein bisschen verständlich machen können, was ich unter dem wunderbaren Gefühl der Freiheit verstehe.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen die einzige Freiheit, die es wahrhaft gibt: Ihre ganz eigene innere Freiheit.

Herzlichst,
Angelika Fleckenstein

©2009_08_07 by af